Manchmal bringt uns nicht das Gefühl in Unruhe, sondern die Fragen, die wir uns stellen.
In dysregulierten Zuständen verstärken Denken, analytische Fragen, Bewertungen und Erwartungen an ein Ergebnis oft den Alarmmodus. Sie halten das Nervensystem in einer Schleife von Aktivierung.
Es gibt Gedanken, die wir aufgrund von Trauma haben. In der Trauma-, Bindungs- und Schematherapie werden diese inneren Stimmen als Introjekte beschrieben – verinnerlichte innere Botschaften, die wir aus unseren Beziehungserfahrungen übernommen und tief verinnerlicht haben. Sie entstehen nicht aus freier Wahl, sondern aus wiederholten emotionalen Botschaften in frühen Bindungskontexten. Sie prägen sich besonders tief ein, wenn es wenig korrigierende Erfahrungen gibt.
Stimmen, die wir vielleicht immer wieder gehört haben können z.B sein:
„Reiß dich zusammen.“
„So schlimm ist das doch gar nicht.“
„Du bist zu sensibel.“
Und die sich irgendwann in unseren inneren Dialogen und Ich-Botschaften tief in unser Glaubenssatzsystem eingraben:
„Ich muss mich zusammenreißen.“
„Ich bin zu sensibel.“
Und es gibt Gedanken, weil unser Verstand nicht nur den Strom der Eindrücke verarbeitet, sondern auch wie ein inneres Frühwarnsystem fortlaufend Situationen bewertet – innere wie äußere Umstände – und damit Muster von Bewertungen hervorbringt (bewertender Geist / vedanā).
Diese Bewertungsprozesse haben eine evolutionäre Schutzfunktion: Sie dienen dazu, Sicherheit herzustellen und das Überleben zu sichern.
Wenn Gedanken den Alarmmodus verstärken
Der Verstand als Bewertungs- und Frühwarnsystem
Wenn wir unseren Geist beobachten, merken wir oft, dass er selten neutral bleibt.
Etwas gefällt uns nicht, wir wollen es weg haben. Etwas fühlt sich bedrohlich an, wir gehen innerlich in Alarmbereitschaft. Oder etwas zieht uns stark an – wir wollen mehr davon, sofort oder möglichst bald.
Ohne dass wir es bewusst steuern, reagiert der Verstand fortwährend auf das, was er wahrnimmt: mit Abwehr, mit Anspannung oder mit Verlangen. Diese Bewegungen geschehen schnell und automatisch und sie wirken direkt auf unseren Körper und unser Nervensystem.
In der jungianischen Psychologie ist das Ich (Ego) das Zentrum des bewussten Erlebens. Es ist der Teil von uns, der wahrnimmt, denkt, fühlt und Entscheidungen trifft – ohne unsere gesamte innere Wirklichkeit zu sein.
Wenn das Ich unbewusst bleibt, haben wir – wie es die buddhistische Psychologie sehr treffend beschreibt – die Tendenz, uns mit dem sogenannten kleinen Selbst zu identifizieren. Wir glauben, was wir denken, und verlieren den Abstand zu dem, was im Inneren geschieht.
Je weniger wir diesen inneren Abstand einnehmen können, desto stärker fusionieren wir mit unseren Gedanken und Bewertungen und erzeugen Kreisläufe des Leidens, die in der buddhistischen Psychologie als dukkha beschrieben werden.
Hier entsteht eine Brücke zwischen buddhistischer Psychologie und moderner Psychotherapie (ACT, MBCT, MBCL):
Fusion bedeutet: Wir sind unsere Gedanken.
Fehlt die Distanz, fehlt der innere Spielraum.
Das Ergebnis sind automatische Reaktionen und sich verstärkende Leidensschleifen.
Wir bringen uns selbst in eine Trance, die Tara Brach in ihren Satsangs immer wieder als „Hijacking“ bezeichnet hat. Das Bewusstsein ist verengt und Angst und Bewertung sind im Vordergrund.
Wichtig: Unser Nervensystem reagiert dabei nicht nur auf Schlüsselreize wie Gerüche, Worte, Stimmen oder Gefühle, die entwicklungsbiologisch im Körper gespeichert sind, sondern auch auf die inneren Szenarien, Bedeutungen und Bewertungen, die unser Geist fortlaufend hervorbringt und die eng mit dem inneren Stress- und Alarmsystem im Gehirn verbunden sind. Wenn wir uns bedroht fühlen, kann sich unser Körper nicht sicher fühlen.
Trance & Identifikation
Wenn wir uns mit unseren Gedanken verstricken
Typisch für diese Trancezustände sind:
Anhaftung: obsessives Denken und Grübelei
Tunneldenken: Die Zoomlinse unserer Aufmerksamkeit ist auf Negatives gerichtet
Fixierung: Verschmelzung mit Ideen über uns selbst und über die Situation
Wiederholung negativer Gedanken
Härte und Kälte
Anspannung
Widerstand und Aversion
Wir glauben, was wir denken.
Beispiel aus dem therapeutischen Kontext
Ich möchte gerne ein Beispiel aus dem Therapieraum teilen.
Vielleicht erkennst du dich selbst in dieser Geschichte oder hast sie in deiner Arbeit mit Klienten oder Klientinnen selbst erlebt.
Ein Klient kommt nach einer sehr langen, stabilen und erfüllenden Lebensphase in eine Wachstumskrise und wieder zu mir in die Praxis. Er ist reflektiert und bewusst und konnte sich über diesen Zeitraum hinweg gut halten und regulieren. In unserer ersten Begegnung konnten sich alte Muster lösen, und die Beziehung zu sich selbst sowie zu seinen inneren Anteilen wurde von mehr Wohlwollen und innerer Freundlichkeit getragen.
Nach einer schwierigen Phase in den vorangegangenen Monaten findet er aus zunächst nicht erklärbaren Gründen nicht mehr aus der Dysregulierung heraus und wechselt zwischen unterschiedlichen inneren Zuständen und Anteilen. Die Unruhe ist schon länger im Körper spürbar und führt zu einer Schleife aus Bewertung, Analyse und der Frage nach der Ursache – was zutiefst verständlich ist. Trotz vieler eigener Bemühungen findet er sich immer wieder in ähnlichen inneren Bewegungen wieder: zunehmende Erregung, ein hochfahrender Alarm und schließlich ein Zustand von Erstarrung.
Warum Denken in dysregulierten Zuständen nicht hilft
Was passiert hier?
Keine unmittelbare Antwort auf überwältigende innere Zustände zu haben, kann Hilflosigkeit und Ohnmacht verstärken. Unter anhaltender Überforderung kann das Nervensystem in einen Zustand von Rückzug und Erstarrung gehen – bis hin zu einem parasympathischen Lockdown mit dissoziativen Erfahrungen.
Diese Reaktionen sind nicht falsch. Sie sind menschlich. Und wir alle kennen sie.
Was dann häufig einsetzt, ist ein automatisches mentales Muster – ein vertrautes Mind Pattern: Wir beginnen zu bewerten, zu analysieren und nach Erklärungen zu suchen.
Der Neokortex – unser evolutionsgeschichtlich jüngster Gehirnbereich – ist eigentlich dafür da, Zusammenhänge zu verstehen, Vergleiche anzustellen und Orientierung zu geben. In dysregulierten Zuständen versucht er, durch Denken Sicherheit herzustellen.
Gerade in solchen Zuständen bewirkt dieses Denken leider häufig das Gegenteil. Durch Vergleiche, Ist-Soll-Abgleiche und das Kreisen zwischen Vergangenheit und Zukunft bringen wir uns selbst immer wieder in Bewertungsschleifen.
Typische Fragen, die dann auftauchen, sind:
Warum hilft mir das jetzt nicht, was mir früher geholfen hat?
Warum sind diese Gefühle wieder da?
Wird das jemals aufhören?
Was ist die Ursache?
Diese Fragen sind zutiefst verständlich. Sie entspringen dem Wunsch nach Sicherheit, nach Vorhersehbarkeit, nach Halt.
Ebenso verständlich ist es, dass Angst entsteht, wenn wir unseren eigenen Körper als Bedrohung erleben – anstatt die Symptome als ein Signal und eine Einladung zu verstehen, die nach Zuwendung und Regulation rufen.
Befindet sich das Nervensystem außerhalb des Stresstoleranzfensters, sind kognitive Verarbeitung und Selbstregulation deutlich eingeschränkt. Wenn wir in solchen Zuständen Antworten erzwingen wollen, die im Moment nicht verfügbar sind – oder wenn sie nicht zu der ersehnten Entlastung führen –, verstärken wir ungewollt erneut den Alarmmodus.
Der erste Schritt ist daher immer Stabilisierung und Regulation. Aus einem Zustand von Dissoziation können wir nicht unmittelbar in ein spürbares Bei-uns-Sein zurückkehren.
Was ist in solchen Momenten überhaupt möglich?
Was braucht es, wenn Antworten im Moment nicht verfügbar sind?
Wenn wir feststellen, dass uns Denken und Analysieren nicht weiterbringen, haben wir oft keine andere Wahl, als uns darauf zu besinnen, was immer da ist – und das Licht der Achtsamkeit hin zu Wahrnehmung, Begleitung und Mitgefühl zu richten. Wir gehen in den achtsamen und mitfühlenden Kontakt mit uns.
Achtsamkeit als Haltung – das Leben in uns berühren
Worauf ich meine Aufmerksamkeit richte und mit welcher Haltung ich mir selbst begegne – wohlgesonnen oder kritisch –, formt und beeinflusst meine Erfahrungen, den Augenblick und auf lange Sicht mein Leben.
Achtsamkeit bedeutet im Kern, wieder festen Boden zu finden, um ein wenig Abstand zu gewinnen und die Muster des Geistes bewusster wahrnehmen zu können.
Wir knipsen ein Licht an, sodass die inneren Bewegungen im Geist und im Körper in unserer Gefühlslandschaft klarer werden und sichtbar wird, was ohnehin da ist: Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen, innere Reaktionen – all das darf in den Raum des Gewahrseins treten.
In diesem wachen Dasein beginnen wir zu bemerken, wie lebendig und beweglich unsere innere Landschaft ist. Gedanken kommen und gehen. Gefühle verändern sich. Körperempfindungen verdichten sich und lösen sich wieder. Nichts davon ist starr oder festgelegt.
Auf diese Weise kultivieren wir zwei Dinge: Erstens lernen wir, uns mit unserem Geist anzufreunden. Und zweitens nehmen wir uns die Zeit, einen Schritt zurückzutreten und klarer zu erkennen, dass wir mehr sind als die Gedanken, die durch unseren Geist ziehen.
Wenn wir uns darin üben, den Geist zur Ruhe kommen zu lassen, wenn wir Einsicht kultivieren und Kontakt aufnehmen mit dem Körper, dem Atem und den Gefühlen, öffnet sich ein Raum für Veränderung. Vielleicht bemerken wir eine Spannung im Brustraum. Vielleicht tauchen Einsamkeit oder Reue auf. Vielleicht zeigt sich die Tendenz, uns von unseren Gefühlen zu entfernen – oder die Erkenntnis, dass wir die ganze Zeit etwas festgehalten haben.
Achtsamkeit unterstützt uns dabei, präsenter im Hier und Jetzt zu sein – mit uns selbst und mit dem, was in uns und um uns herum geschieht. Ohne uns darin zu verstricken, können wir innere Vorgänge bewusster wahrnehmen und eine Wahl treffen, ihnen mit mehr Wachheit und Sanftheit zu begegnen.
Selbstmitgefühl gibt uns dabei eine Antwort auf die Frage, was wir jetzt für uns tun können, damit es uns besser geht.
Und dann stellen wir vielleicht fest:
Wenn wir uns erlauben, zur Ruhe zu kommen.
Wenn wir uns erlauben, ein paar Atemzüge zu nehmen und innezuhalten.
Wenn wir den Strom der Gedanken und Fragen für einen Moment unterbrechen.
Wenn wir bei dem bleiben, was gerade da ist – ohne Bewertung –, öffnet sich eine andere Dimension von Bewusstheit.
Und wir können sehen: Alles ist in Bewegung. Alles verändert sich.
Wir haben nicht auf alle Fragen sofort Antworten.
Im Gegenteil: Oft erkennen wir Zusammenhänge erst später. Manchmal wird uns in einem Augenblick etwas klar, und das, was vorher unbekannt war, fügt sich.
Heilung braucht die Integration von Körper und Geist
Wenn wir uns im unablässigen Denken verstricken, anstatt den Geist immer wieder sanft zu schulen und die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was noch da ist – was uns jetzt gut tun kann –,
verlieren wir uns selbst, weil wir etwas Grundlegende übersehen:
Unser Nervensystem reagiert nicht nur auf äußere Reize, sondern auch auf innere Signale aus dem Gehirn – auf Erinnerungen, Gedanken, Bewertungen, innere Überzeugungen und die Geschichten, die wir uns immer wieder erzählen. Noch bevor wir etwas bewusst wahrnehmen, hat unser Gehirn bereits eingeschätzt, wie sicher oder unsicher wir sind.
Der Körper speichert Reaktionsmuster – aber er bewertet nicht. Das tut der Geist.
Deshalb reicht eine reine Regulation über den Körper oft nicht aus. Atem, Berührung oder vagale Stimulation können stabilisieren – und sie sind wichtig. Doch wenn wir gleichzeitig an inneren
Überzeugungen festhalten wie
„Ich bin nicht sicher“,
„Mein Leben ist eine Enttäuschung“
oder „Es wird sich nie ändern“,
werden dieselben neuronalen Netzwerke immer wieder aktiviert. So können sich Stress-, Angst- oder depressive Zustände verfestigen oder erneut auftauchen.
Heilung braucht daher beides:
Regulation über den Körper und die Emotionen – Bottom-Up – und Bewusstheit über unsere inneren Erzählungen sowie die Fähigkeit, uns von Bewertungen zu entkoppeln – Top-Down.
Erst wenn Körper und Geist wieder in Beziehung treten, kann sich etwas nachhaltig verändern.
Vielleicht ist deshalb nicht die wichtigste Frage, warum etwas geschieht, sondern dass wir innehalten und uns fragen:
Was brauche ich jetzt, in diesem Augenblick?
Was geschieht gerade wirklich?
Wie fühle ich mich?
Manchmal ist die Antwort Geduld.
Manchmal eine heiße Dusche.
Manchmal ein Tee auf dem Sofa.
Manchmal ein offenes Gespräch mit einer guten Freundin.
Manchmal Schlaf oder ein Spaziergang
Und manchmal ist es einfach die Hingabe an den Prozess selbst – an das Mysterium des Lebens.
Oder wie Pema Chödrön es ihren Schülern und Schülerinnen mitgibt, wenn der Verstand wieder seine Runden dreht und erzählt, was alles nicht in Ordnung ist:
Auch jetzt ist alles okay – so, wie es ist.
Auch ich bin okay.
Es darf so sein.
I am complete, just as I am.
Things are whole and fine, just as they are.
This is fine, just as it is.
This moment is complete, just as it is.
Just as you are.
Complete, just as you are.
Whole, just as you are.
Achtsamkeit lädt uns immer wieder dazu ein, den Griff zu lockern und den Moment sein zu lassen, wie er ist – nicht um aufzugeben, sondern um uns zu öffnen. Einen Schritt nach dem anderen.
The life is the curriculum, wie Jon Kabat-Zinn so schön sagt.
Wenn wir uns sorgen und nebenbei eine Orange schälen und essen, werden wir ihren Duft und ihre Frische kaum wahrnehmen. Wenn wir dem Strom unserer Bewertungen nicht achtsam begegnen, verlieren wir uns nicht nur immer wieder im Überlebensmodus – wir vergessen auch, worum es im Leben wirklich geht: zu wachsen, zu lieben, zu lernen.
Haltung ist alles.
Liebe heilt.

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