Unsere frühen Bindungserfahrungen prägen nicht nur unsere Denk- und Gefühlswelt, sondern auch unsere neuronalen Netzwerke – und damit unser Verhalten in der Gegenwart.
In diesem Beitrag möchte ich dir die Zusammenhänge zwischen Reaktionsmustern und den dahinterliegenden Stressverstärkern aufzeigen. Außerdem erfährst du, welchen Einfluss die drei
Regulationssysteme für unsere Gefühle im Gehirn auf deine psychische und physische Gesundheit haben.
Biografie wird Biologie
Unsere Biografie – das, was wir erlebt haben – wird buchstäblich zur Biologie unseres gesamten Systems. Es zeigt uns, wie tiefgreifend die Vergangenheit in der Gegenwart wirkt. Unsere innere Welt spiegelt sich in der Struktur und Funktion unseres Gehirns wider. Oder, wie es treffend heißt: Biography becomes Biology. What fires together wires together.
Als ich 2018 im Zuge meiner MBCL-Grundausbildung mit diesem Modell in Berührung kam, hat das meine ganze Arbeit verändert – meinen Blick auf die Entstehung von Verhaltensmustern, die körperlichen Zustände, die mit bestimmten Erinnerungen verknüpft sind, und das Zusammenspiel von biografischen Erfahrungen, Mustern und dem Nervensystem.
Das Drei-Kreis-Modell (3-Circle-Modell nach Paul Gilbert)
Evolutionsbiologisch betrachtet ist unser Gehirn ein hochempfindliches Organ, das seit Urzeiten auf Überleben ausgerichtet ist. Wir besitzen drei Regulationssysteme für unsere Gefühle im Gehirn:
das Antriebs-, das Alarm- und das Fürsorgesystem. Sie sind in den älteren Teilen unseres Gehirns verankert, die mit dem autonomen Nervensystem (Sympathikus, Parasympathikus) und dem endokrinen
System verbunden sind. Gemeinsam steuern sie den Überlebensmechanismus.
Wiederholte frühe traumatische Bindungserfahrungen, emotionale Verletzungen oder ein Klima von Unsicherheit, Leistung, Angst oder Bedrohung verändern die Stressreaktionssysteme und die
Neurophysiologie unseres Gehirns. Sie beeinflussen, wie sich unser Gehirn entwickelt und formen die neuronalen Verbindungen, die später bestimmen, wie wir denken, fühlen und handeln. Diese
Prägungen hinterlassen Spuren und Wunden im Gehirn, die weit über die Kindheit hinausgehen und automatische und reaktive Handlungen aus dem Alarm- oder Antriebssystem prägen und in ähnlichen
Situationen (Reize und Stimuli) getriggert (aktiviert) werden.
Die drei Systeme im Detail
Der erste Part erklärt die drei Systeme biologisch – also Neurotransmitter, Hormone und den Ursprung der Prägungen.
Das Alarmsystem ist auf Überleben und Selbstschutz ausgerichtet und wird bei Bedrohung und Gefahr aktiviert – sei es durch reale Gefahren, Erinnerungen an frühere Bedrohungen
oder ängstliche Gedanken. In diesem Modus spielt vor allem der Neurotransmitter Adrenalin eine zentrale Rolle, der den Körper in Alarmbereitschaft versetzt.
Das Antriebssystem hingegen ist auf Belohnung und Anerkennung ausgerichtet. Es wird aktiviert durch Leistung, Wettbewerb, Konsum oder das Streben nach Erfolg. Dabei setzt es
Dopamin frei, das als „Belohnungshormon“ bekannt ist und Motivation sowie positive Emotionen fördert.
Das Fürsorgesystem ist darauf ausgerichtet, soziale Verbundenheit, Freundlichkeit und Entspannung zu fördern. Es wird aktiviert durch Momente der Fürsorge, Beruhigung und des
Wohlwollens – und setzt dabei Oxytocin frei, das sogenannte „Kuschelhormon“.
Die drei Systeme im Alltag
Der zweite Part beschreibt, wie sich diese Prägungen im Alltag und Verhalten zeigen – also konkrete Muster,
Reaktionen und wie wir sie erkennen können. Die Art und Weise, wie unser Gehirn im Alltag reagiert, hängt stark von unseren früheren Bindungserfahrungen und dem emotionalen Klima ab, in dem wir
aufgewachsen sind. Unsere Biografie formt die neuronalen Muster, die bestimmen, welche Modi – Fürsorge, Alarm oder Antrieb – bevorzugt aktiviert werden.
- Alarmmodus: War das Bindungsklima geprägt von Unsicherheit, Vernachlässigung oder Bedrohung, sind wir oft stärker auf Gefahren fixiert, fühlen uns schneller unwohl in Beziehungen und erleben unsere Gedanken oder Gefühle als bedrohlich. Wenn wir uns innerlich kritisieren oder abwerten, sind wir im Alarmmodus. Wir neigen dazu, uns zu schützen, aggressiv zu reagieren oder uns emotional zurückzuziehen.
- Antriebsmodus: Wurde Liebe und Anerkennung durch Leistung und Wettbewerb vermittelt, neigen wir dazu, unsere Grenzen zu überschreiten, Leistung mit Liebe zu verwechseln und einen starken inneren Antreiber zu entwickeln. Wir streben nach Anerkennung, ignorieren oft unsere eigenen Bedürfnisse, verausgaben uns und betreiben Raubbau an unseren Energiereserven – was zu körperlicher Erschöpfung oder psychischen Symptomen führen kann.
- Fürsorgemodus: Wurden wir hingegen in einem Umfeld von Ruhe, Fürsorge, Sicherheit und Entspannung groß, fällt es uns leichter, uns selbst gut zu versorgen und mitfühlend mit uns umzugehen.
Wenn das System aus dem Gleichgewicht gerät
Wenn wir das Antriebs- oder Alarmsystem übermäßig stimulieren, treten wir gewissermaßen auf das neuronale Gaspedal, was den Sympathikus permanent aktiviert. Dieser Zustand des Daueralarms führt zur Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin und Cortisol, die unser Immunsystem schwächen und langfristig negative Auswirkungen auf Körper und Psyche haben können.
Unser Gehirn unterscheidet dabei nicht zwischen realer Gefahr und Gedanken. Das, was uns vor tatsächlichen Gefahren schützt und unseren Körper mobilisiert, um zu kämpfen oder zu fliehen, kann
genauso durch bloße Erinnerungen oder Gedankenkonstrukte ausgelöst werden. Egal ob wir einem Mammut begegnen oder uns an alte Verletzungen erinnern – die gleiche Stresskaskade wird in Gang
gesetzt. Das führt zu einer Reinszenierung traumatischer Wunden und Schemata.
Der Weg zur Selbstfürsorge
Die gute Nachricht: Wir können lernen, unser limbisches System zu beruhigen. Mit Achtsamkeit und
Selbstmitgefühl stärken wir bewusst das Fürsorgesystem und trainieren den präfrontalen Kortex, der in Stressmomenten sonst kaum Zugriff hat. Wir treten auf das neuronale Bremspedal und
stimulieren den Parasympathikus. Dies fördert nicht nur Resilienz, sondern auch mentale und körperliche Gesundheit.
Wie kann ich mein Beruhigungssystem aktivieren?
Was nährt mein Beruhigungssystem?
Unser Gehirn ist empfänglich für innere wie äußere Freundlichkeit. Indem wir uns regelmäßig bewusst machen, aus welchem Modus heraus wir gerade agieren, und gezielt unser Fürsorgesystem stärken, erhöhen wir unsere Resilienz und fördern unser mentales und körperliches Wohlbefinden. Dank der Neuroplastizität unseres Gehirns können wir jederzeit Neues lernen, uns weiterentwickeln und gesunde Spuren einer inneren Antwort legen.
Auch im größten Stress, in der größten Angst, Wut, Einsamkeit oder Überforderung haben wir eine Wahl. Wir können nach unseren erlernten Schutz- und Überlebensmustern ausagieren und damit unserer Psyche und unserem Körper nachhaltig schaden, oder aber wir laden uns selbst bewusst ein, uns zu ermächtigen und uns liebevoll und freundlich zu nähren und zu versorgen.
Survival of the Kindest
All die wundervollen Übungen aus der buddhistischen Psychologie und dem Achtsamen Selbstmitgefühl (MBCL) geben uns die Möglichkeit, auf eine sanfte Weise unseren Fürsorgemodus (Oxytocin) im Gehirn zu stimulieren und unser Angstzentrum (Limbisches System) zu beruhigen.
Die Praxis von Achtsamkeit und Selbstmitgefühl unterstützt das Fürsorgesystem in jeder Hinsicht. Wir lernen, bewusster zu leben und ein feines Gespür dafür zu entwickeln, wenn wir unbewusst im Autopilot-Modus angelernte Schutzmuster abrufen und wiederholen. Mit der Zeit halten wir öfter inne, erkennen destruktive Gedankenmuster und lassen uns weniger von ihnen mitreißen. Statt schwierige Gefühle oder Schmerzen abzulehnen, lernen wir, sie mit liebevoller Akzeptanz in unseren Erfahrungsraum einzuladen. Diese Haltung ermöglicht uns, präsent zu sein – mit allem, was ist.
Hier ein paar Reflexionsfragen und eine Übung für dich:
Welche emotionalen Regulationssysteme wurden in deinem Leben stärker und welche weniger stark „trainiert“?
Zeichne die drei Kreise des Alarm-, Antriebs- und Fürsorgesystems.
Falls eines dieser Systeme stärker ausgeprägt ist, dann zeichne den entsprechenden Kreis größer – und kleiner für schwächer entwickelte Systeme.
Reflektiere anschließend über folgende Fragen:
Du kannst auffällige Verhaltensweisen oder Erfahrungen, die mit den Systemen zusammenhängen, auch direkt in die Kreise einzeichnen.
- Welche Erfahrungen oder Personen haben dein System geprägt? Wurdest du überwiegend mit Wohlwollen betrachtet? Oder gab es Erfahrungen, die von Zurückweisung, Stress oder seelischen Verletzungen geprägt waren?
- Welche Strategien hast du entwickelt, um dich zu schützen? Nach außen hin (z. B. soziale Vermeidung, Abhängigkeit von anderen, Überkompensation)? Nach innen hin (z. B. bestimmten Emotionen ausweichen, Überzeugungen über dich selbst hegen, hohe Anforderungen an dich selbst stellen)?
- Welche Konsequenzen hatten diese Strategien?
- Was brauchst du besonders – und was wünschst du dir?
Zum Abschluss: Wenn du tiefer in die Selbstmitgefühlspraxis eintauchen möchtest: Unter diesem Link findest du auf meiner Website, InsightTimer und SoundCloud einige Meditationen, die dein Fürsorgesystem nähren.
Viel Freude,
Sabina
Quelle: Erik Van den Brink, Frits Koster, MBCL-Ausbildung und Buch: Mitfühlend leben

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